Hier sind wir wieder!

Nachdem im vergangenen Jahr erstmals seit acht Jahren keine Filmtage stattfanden, sind wir 2001 wieder da. Die Verschiebung vom November in den April hatte viele Gründe. Vor allem unsere immer wieder akute Raumnot hat uns letztlich dazu bewogen, vom tristen Herbst in den (hoffentlich) schönen Frühling zu wechseln. Dies hat dazu geführt, dass der diesjährige Festivaltreffpunkt erstmals in der Theater Fabrik Rosenstraße sein wird. Wir freuen uns auf die neuen Räume und sind gespannt auf eure Reaktionen.

Bonnie & Clyde


Als Thema hatten wir uns "Gauner und Ganoven, Kriminalität und Verbrechen" vorgenommen. Daraus ist das Motto "Bonnie & Clyde" geworden. Diese Überschrift verweist natürlich auf den Filmklassiker, gemeint ist damit aber vor allem der ganze assoziative Spielraum, der sich durch die Story eröffnet. Womit wir bei einer der Kernfragen wären:

Was ist Kriminalität? Macht die Übertretung von Gesetz und Ordnung jemanden automatisch zur VerbrecherIn? Ist Gesetz und Ordnung moralisch immer auf der "guten" Seite? Was ist, wenn ich für das Verbrechen Verständnis und für die VerbrecherInnen mehr Sympathie habe als für das Gesetz? Bin ich als SympathisantIn auch schon kriminell?

In Lola rennt, einem der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten Jahre wird es uns vorgeführt. Wir erleben eine Geschichte in dreifacher Ausführung mit jeweils anderem Ausgang. Zufrieden macht uns die dritte Variante: Lola und ihr Freund können das Geld, das ihnen nicht gehört, behalten und verschwinden in ein neues Leben. Alle, die ihnen im Weg standen werden vom "Schicksal" abgestraft. Die ZuschauerInnen interessiert nicht, was "Recht" und "Unrecht" ist, in welcher Klemme die anderen Protagonisten stecken und ob für sie jetzt ihre Karriere oder das Leben gelaufen ist. Die Sympathie hat gesiegt.

In den sechziger Jahren war es innerhalb des Mediums Film eher die Agentenstory oder Krimis à la Edgar Wallace, die ein breites Publikum faszinierten. Ihnen lag eine relativ geordnete Welt zugrunde, in der Gut und Böse einfach auseinander gehalten werden konnte.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute dürfen hin und wieder selbst Tatort-Kommissare gegen das offizielle Recht verstoßen, und diejenigen laufen lassen, die eigentlich verhaftet werden sollen. Soziale Hintergründe finden Beachtung und sinnlose Machtstrukturen werden "umgangen" - zumindest im Film. Ob dieser Paradigmenwechsel aus einem veränderten Rechtsverständnis heraus passierte, ist fraglich. Vielleicht ist einer der Gründe, mehr Verständnis für die Täter als für das Gesetz aufzubringen, dass sich unter den gegebenen Verhältnissen immer mehr Menschen als "Opfer" fühlen und die "Täter" immer diffuser und undefinierbarer werden: das System, der Rechtsstaat, die Konzerne, der Kapitalismus, die Politik etc. In den Neunzigern und bis heute hat sich ein ausgeweiteter Kriminalitätsbegriff durchgesetzt. Es kann mittlerweile schon kriminell sein als Flüchtling hier zu stranden, wenn man der Politik und den Massenmedien glauben mag. Auch kursieren die Schreckgespenster der Organisierten Kriminalität oder, wenn man es international ausweitet, die der sog. Schurkenstaaten. Diese diffuse Vielfalt und die vielschichtigen Auswirkungen versuchen die Filmtage aufzuzeigen.


Aus unserem Programm


Natürlich fehlen nicht die klassischen Gangster- und Bankräuberfilme wie Bonnie und Clyde oder Der Clou. Dieses Genre des populären Films hat sich über die gesamte Filmgeschichte behauptet. Ein diffuses Unbehagen an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bricht sich so immer wieder Bahn, wenngleich natürlich das häufige Scheitern der GangsterInnen die Angst der Filmindustrie zeigt, die geltenden Regeln grundsätzlich in Frage zu stellen und das Recht selbst zu definieren. Andere Klassiker zum Thema, die nicht nur Kinder begeistern sind Emil und die Detektive (von 1931) und Der Dieb von Bagdad (von 1940).

Viele unserer Filme beschäftigen sich mit Jugendlichen und ihren spezifischen Problemen. Sie stehen in Abhängigkeiten, die sich nicht verändern lassen, da ihre Persönlichkeitsrechte bis zur Volljährigkeit eingeschränkt sind. Ihre Wege, in unerträglichen Situationen zu überleben, sind vielseitig. Rosie, Petits Frères, Ratcatcher und Der Taschendieb zeigen dies und verdeutlichen die Absurdität einer Gesellschaft, die Regeln aufstellt, an die sie sich selbst nicht hält. In Gotteszell werden mehrere Frauen porträtiert, die wegen sogenannter Gewaltverbrechen inhaftiert sind. Wie kriminell ist es, wenn eine Frau ihr Elternhaus anzündet, in dem sie jahrelang vom Vater und vom Bruder vergewaltigt wurde? Die Anzeige gegen den Vater wurde zuvor als unglaubwürdig zurückgewiesen, die Frau wurde wegen vorsätzlicher Brandstiftung und versuchtem Mord verurteilt. In performing the border werden die Folgen weltweiter Arbeitsteilung und Ausbeutung, insbesondere für Frauen, auf einem sehr grundsätzlichen und theoretischen Niveau untersucht. Geacht Europa behandelt diese Thematik am Beispiel von zwei Jungen aus Guinea, die auf der Flucht nach Europa erfroren sind. Der Film Out - The Making Of A Revolutionary schildert die Geschichte von Laura Whitehorn, die sich entschieden hat gegen diese gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse militanten Widerstand zu leisten. Unabhängig von der eigenen Position zu bewaffnetem Widerstand ist Sonja de Vries und Rhonda Collins in diesem Film ein faszinierendes Portrait gelungen.

Selbstverständlich gibt es auch wieder unsere festen Programmpunkte. Das Portrait ist in diesem Jahr der amerikanischen Filmemacherin Cathy Lee Crane gewidmet, die während der gesamten Filmtage anwesend sein wird. Der Regionale Wettbewerb am Donnerstag findet zum zweiten mal in Kooperation mit dem offenen kanal oldenburg statt. Auch in diesem Jahr hatten wir einen neuen Rekord, was die Anzahl der eingereichten Filme betrifft, und die Auswahl fiel uns nicht leicht. Bereits ab Montag wird vom Mobilen Kino Niedersachsen wieder Kino in der Schule angeboten. Die Vorstellungen waren schon Anfang März ausgebucht. Für alle, die nicht mehr in die Schule gehen oder die keinen Termin mehr bekamen, werden die Filme am Sonntag auf dem Kinderfilmnachmittag im Alhambra von Filmriß wiederholt.

Die Filmnacht bietet neben den filmischen Genüssen erstmals exklusive Cocktails zu vorgerückter Stunde. Das Kurzfilmfrühstück ist mittlerweile längst ein Highlight, bei dem wir Vorbestellung empfehlen, da wir bei den letzten Filmtagen leider viele wieder nach Hause schicken mussten.

Am Sonntag wird nach der Preisverleihung des Regionalen Wettbewerbs der gemeinsame Abschlussfilm Der Sonderling gezeigt. Jogi Nestel wird diesen Stummfilm live mit über 80 verschiedenen Percussioninstrumenten begleiten. Auch hier wird Vorbestellung dringend empfohlen.

Dies ist nur ein Ausschnitt der Filme und der Themen auf den Filmtagen und soll Lust machen, Neues zu entdecken und Altes wieder zu entdecken, Lust auf Diskussionen mit den angereisten Gästen und untereinander, am Besten vor Ort im Filmtagecafé in der Theater Fabrik Rosenstraße.


Danke!


Bis es am Mittwoch mit dem gerade erst auf der Berlinale entdeckten und dort begeistert aufgenommenen Film IT - Immatriculation Temporaire losgeht, liegt viel Arbeit hinter uns. Wir möchten uns auf dem Weg noch mal ganz besonders bei allen bedanken ohne deren Hilfe die Filmtage nicht möglich wären. Dies gilt sowohl für finanzielle Unterstützung wie auch für persönliche, praktische Hilfe. Noch immer wird der Großteil der Arbeit nebenbei und unbezahlt erledigt. Ob wir im nächsten Jahr erneut eine Förderung seitens des Landes bekommen steht aufgrund einer Umstrukturierung der Filmförderung im Moment in den Sternen.

Dieses Jahr ist es jedenfalls geschafft.

Vorhang auf, Film ab und ganz viel Spaß beim Stöbern im Programmheft und beim Besuch der Filmtage!

Die VeranstalterInnen