Fabrik, kleiner Saal

So, 29.04.01

Medienbüro präsentiert:

Portrait: Cathy Lee Crane

16:00 Uhr

Frankreich/Deutschland 2000
27 min, Video, s/w
Buch/Regie: Harun Farocki
Kamera/Recherche: Cathy Lee Crane
Schnitt: Max Reimann
Verleih: Farocki Film Production

Ich glaubte Gefangene zu sehen (I thought I was seeing convicts)

Harun Farocki schneidet Videoüberwachungsbilder aus Supermärkten und aus dem Gefängnis mit Spiel- und Dokumentarfilmausschnitten zusammen. Durchsuchungen, Überwachung der Sprechzimmer, Gänge und Höfe. Diese Entmenschlichung reduziert die Gefilmten auf Punkte auf dem Bildschirm, die kontrolliert und analysiert werden. Die Bilder lösen starke Gefühle aus: Trauer, Mattigkeit, Auflehnung gegen die Gewaltanwendung, bei der die Peiniger hinter der Kamera verborgen sind. In einer Szene werden die Gefangenen mit einem Wasserschlauch angespritzt, der mit einer Kamera verbunden ist. Sind diese Gefangenen noch Menschen oder nur noch Nummern?

Ich glaubte Gefangene zu sehen

»Das sagt Ingrid Bergmann in Rossellinis "Europa 51" nachdem sie für einen Tag den Arbeiterinnen in eine Fabrik gefolgt ist. Am Ende des Films wird sie in eine geschlossene Anstalt gesperrt.

Das Kino fühlte sich immer schon von den Gefängnissen angezogen, heute sind die Gefängnisse voll von Videokameras zur Überwachung. Diese Bilder sind ohne Schnitt und Formatwechsel, ohne Verdichtung von Zeit und Raum und deshalb besonders geeignet, die Ereignislosigkeit auszudrücken, in die der Gefangene zur Strafe versetzt sein soll. Die Überwachungskameras zeigen die Norm und rechnen auf eine Abweichung.

Bilder aus dem Maximum Security Gefängnis in Corcoran, Kalifornien. Die Überwachungskamera zeigt einen tortenstückförmigen Ausschnitt, den betongedeckten Hof, auf dem die Gefangenen eine halbe Stunde am Tag verbringen können. Ein Häftling greift den anderen an, worauf die Unbeteiligten sich sogleich flach auf den Boden legen, die Arme über dem Kopf. Sie wissen, was jetzt kommt: der Wärter wird eine Warnung rufen und danach eine Gummimunition abfeuern. Hören die Häftlinge mit dem Kampf jetzt nicht auf, schießt der Wärter scharf. Die Bilder sind stumm, vom Schuß zieht der Pulverrauch durch das Bild.

Die Kamera und das Gewehr sind gleich nebeneinander, Blickfeld und Schußfeld fallen zusammen. Es ist zu erkennen, daß der Hof in der Form eines Kreissegments errichtet wurde, damit es an keiner Stelle Schutz vor dem Blick oder der Kugel geben kann. Ein Häftling, meistens derjenige, der angegriffen hat, bricht zusammen. Verletzt, schwer verletzt, manchmal tödlich.

Zur Materialersparnis liefen die Aufzeichnungsgeräte mit verminderter Geschwindigkeit und die Einzelbilder wurden standverlängert, so dass die Bewegungen ruckhaft und unrund sind. Die Kämpfe auf dem Hof sehen aus wie in einem billigen Computerspiel, eine weniger dramatische Darstellung des Todes ist kaum vorstellbar.

Die Bauweise der heutigen Gefängnisse und die Sicherheitstechnik machen den Ausbruch fast unvorstellbar. Die Sicherheitstechnik aber produziert nichts als den Status Quo, während von jeder Technik verlangt wird, die Produktivität ständig zu steigern.

Den Gefangenen ist der Traum genommen, sie könnten ausbrechen. Eben so wenig kann der Justizapparat hoffen, die Insassen wirksam bearbeiten zu können. (In Kalifornien und anderen Bundesstaaten ist der Begriff der Besserung aus der Gesetzgebung entfernt und das Wort Strafe ist wieder eingesetzt.)

Während die Gesellschaft der USA (und andere ähnliche) die Ausschließung androht, macht das Gefängnis die Drohung der Einschließung wahr. Das Gefängnis will unterwerfen, während sonst der größte Zwang innerlich ist.

Wärter aus Corcoran haben ausgesagt, dass sie manchmal Gefangene aus rivalisierenden Gangs ("Mexican Mafia", "Aryan Brotherhood" etc.) auf dem Pausenhof zusammenschlossen und auf den Ausgang der Schlägerei Wetten abgeschlossen haben. Die Kamera, die auf Ereignisse lauert, ist so anachronistisch wie das Gewehr.

Die Sträflinge sind fast nackt (sie trainieren ständig ihre Muskeln) und haben nichts außer ihrer Clanzugehörigkeit. Ihre Ehre ist ihnen wichtiger als ihr Leben. Das Gefängnis erzeugt hier den Tribalismus. Auch die Unterhaltungsindustrie befördert gerne den Tribalismus, von dem sie die Eigenschaftswörter ableitet. Die Bekleidungsindustrie liefert dazu die Markenzeichen.

Im Gefängnis haben Beziehungen (auch sexuelle) eine große Bedeutung, wie sonst nur im Show-Business, unter Menschen, die hauptsächlich sich selbst produzieren. Der Erschießung vor der Überwachungskamera entspricht, dass die Reportage-Kameras heute in den USA in die Gerichtssäle und zu den Hinrichtungen drängen. Noch einmal die Strafe als Spektakel.

Deleuze spricht von der Krise der klassischen Macht-Einrichtungen, Schule, Krankenhaus, Gefängnis. Vielleicht gehört das drakonische Strafen in den USA, das gesteigerte Einsperren, zu der Krise der Institution Gefängnis. Vielleicht rührt daher diese Ungeduld mit denen, die nicht funktionieren, gerade weil es sonst so wenig Zwang mehr gibt. Als ob Eltern sagten: Nun haben wir Dich nie geschlagen, und dennoch... nun sollst Du spüren, was es heißt, nicht zu folgen.

Dieses Bild von den Häftlingen, die sich prügeln, obwohl sie wissen, dass man auf sie schießen wird. Sie sehen aus wie Gladiatoren, und der Pausenhof wie eine Arena. Allerdings fehlen die Zuschauer. Nur die Kamera ist in der Position des Römischen Stadtproletariats, das mit solchen Kämpfen und Tötungen bei Laune gehalten werden soll.

Auf den kalifornischen Gefängnishöfen wird heute nicht mehr erschossen. Statt eines Gewehrs haben die Wärter heute einen scharfen Wasserstrahl, dem Chemikalien beigemengt sind, die die Kämpfenden nach Sekunden kampfunfähig machen. Mit diesem Wasserstrahl verwischt, wofür die Häftlingen zuvor gestorben sind. Es ist heutzutage auch fast unmöglich, nachträglich festzuhalten, wofür ein Krieg angefangen wurde.« (Harun Farocki)

Harun Farocki
Geboren 1944 in der Tschechoslowakei. Studiert Film an der DFFB in Berlin. Seit 1965 mehr als 75 vorwiegend essayistische Filme zu sozialen und politischen Fragen. Filme (Auswahl): Der Ärger mit den Bildern (1973), Zwischen zwei Kriegen (1978), Etwas wird sichtbar (1981), Wie man sieht (1986), Bilder der Welt und Inschrift des Krieges (1989), Videogramme einer Revolution (1992, Co-Regie, VIENNALE 92), Arbeiter verlassen die Fabrik (KF, 1995), Stilleben (1997, VIENNALE 97).


im Anschluß

USA 2000
19 min, 16 mm
Buch/Regie/Kamera/Schnitt: Cathy Lee Crane
Musik: Tetes Raides, Minnie Pearl Necklace
DarstellerInnen: Lee Delong Dore Bowen
Verleih: Cinenova

The Girl from Marseilles

Eine fiktionale Erinnerung von Nadja, der Frau die Andre Bretons Gedanken nicht losließ und über deren Begegnung er 1927 einen Bericht schrieb. Dieser Film gibt Nadja eine Stimme, in dem er ihr Leben auf einer Matrix von Archivbildern und Filmausschnitten aus Paris aufbaut. Sie spricht zu uns aus der Psychiatrie von Vaucluse in dem Moment als der 2. Weltkrieg ausbrach. Der Krieg ist ein Schlüsselerlebnis ihres Lebens. Alle waren noch so erschüttert vom Ersten Weltkrieg, dass niemand glauben konnte, dass es jemals wieder passieren könnte, und dann schon so kurz darauf.